Direkt vor dem Eingang des neuen Gebäudes des Unternehmens Arion in Heerlen erwartet Besucher ein farbenprächtiges echtes Stück der Berliner Mauer mit Originalgraffiti, das symbolisch für den Wegfall von Mauern und das Einreißen von Grenzen steht. Genau das will Geschäftsführer Erik Joosten in diesem neuen Gebäude erreichen – nämlich Grenzen einreißen. Das neue Gebäude des Unternehmens, das Hilfsmittel für das Gesundheitswesen herstellt, befindet sich exakt auf der Grenze zwischen den Niederlanden und Deutschland und steht somit sowohl auf niederländischem als auch auf deutschem Staatsgebiet.

„Von der Grenze ist fast nichts mehr zu sehen“, weiß Joosten zu berichten, während er das noch leere Gebäude durchquert. Maler streichen eine Wand in grellem Grün, während im Hintergrund ein Monteur Schrauben anzieht. „Wir befinden uns gerade auf niederländischem Hoheitsgebiet, und …“, drei Schritte später, während er abschätzend die Seitenwand betrachtet, fährt er fort „… jetzt sind wir in Deutschland“.

Der einzige Umstand, an dem man erkennen kann, dass sich das Gebäude in zwei Ländern befindet, sind die beiden verschließbaren Vorstandszimmer in den ansonsten offenen Räumen. Joosten erklärt: „Unter diesem Dach befinden sich nämlich sowohl eine BV als auch eine GmbH. Entscheidungen der deutschen GmbH müssen auf deutschem Hoheitsgebiet getroffen werden, Entscheidungen der niederländischen BV auf niederländischem Hoheitsgebiet.“

Auf wirtschaftlicher Ebene ist die Grenze immer noch deutlich vorhanden. Das Unternehmen stellt innovative Hilfsmittel für das Gesundheitswesen wie An- und Ausziehhilfen für elastische Strümpfe und die Swash Tücher zum Waschen bettlägeriger Patienten ohne Wasser her. Joosten gründete das Unternehmen 1994 und verkauft seine Produkte mittlerweile in gut vierzig Länder. Nach den Sommerferien ziehen seine Mitarbeiter vom aktuellen Standort in Geleen in das binationale Gebäude in Heerlen/Aachen um.

„Ich bin in dieser Gegend geboren, wo Deutschland und Belgien zum Greifen nahe sind“, berichtet Joosten. „Privat kaufen wir einfach im Nachbarland ein und merken im Alltag kaum noch etwas von der Grenze. Aber auf wirtschaftlicher Ebene ist die Grenze immer noch deutlich vorhanden.“

Endlose Diskussionen

Joosten wünscht sich sowohl niederländische als auch deutsche Mitarbeiter. Warum? Weil er davon ausgeht, dass sein Unternehmen davon profitiert, wenn beide Nationalitäten vertreten sind. „Niederländer sind kreativer, aber lieben endlose Diskussionen. Es verläuft also alles etwas langsamer. Deutsche sind vielleicht etwas weniger kreativ, aber sehr pünktlich und können richtig zupacken.“

Wäre es dann nicht einfacher, wenn das niederländische Unternehmen nur deutsche Mitarbeiter einstellen würde? Joosten schüttelt den Kopf. „Wenn für die Deutschen die niederländischen Gesetze gelten, würden sie aus steuerlichen Gründen, wegen der Rentenansprüche und Urlaubstage gar nicht in Betracht ziehen, hier zu arbeiten. Das neue Gebäude bietet ihnen die Möglichkeit, unter deutschen Arbeitsbedingungen zu arbeiten.“

Längere Rammpfähle

Der Bau des Gebäudes erwies sich als komplexer und zeitraubender, als Joosten sich das vorgestellt hatte. Beide Länder haben unterschiedliche Bau- und Sicherheitsvorschriften, und für die Bauarbeiten gilt, dass im gesamten Gebäude die strengere der beiden Normen erfüllt werden muss.

„Weil diese Region in Deutschland als erdbebengefährdet eingestuft wird, mussten wir längere Rammpfähle als in den Niederlanden vorgeschrieben verwenden. Der deutsche Gesetzgeber schreibt vor, dass wir Brandschutzfarbe verwenden müssen, die mehrere zehntausend Euro teurer ist. Außerdem sind in Deutschland wie in Flugzeugen Lichtsignale im gesamten Gebäude vorgeschrieben, damit man auch bei starker Rauchentwicklung den Ausgang finden kann.“

Joosten zeigt auf einen rechteckigen Steinblock in der Ecke der Halle, in dem eine Sprühnebelanlage untergebracht ist. Sobald ein Feuer ausbricht, wird nicht mit Wasser gelöscht, sondern die Halle wird eingenebelt. Das spart Wasser und reduziert auch die Wasserschäden.

„Diese neue Technologie war in den Niederlanden schon bekannt, in Deutschland jedoch noch nicht“, erklärt Joosten. „Daher mussten wir mit einer Palette Swash-Artikel nach Deutschland fahren. Dort wurden die Waren in einer kontrollierten Umgebung angezündet, und dann wurde die Sprühnebelanlage eingeschaltet. Erst danach haben wir die Genehmigung erhalten, um diese Anlage hier einzubauen.“

Made in Holland

Jetzt, da das Gebäude fast fertig ist, beschäftigt sich Joosten mehr mit praktischen Fragen. „Wir setzen demnächst einen Wachdienst aus den Niederlanden ein. Aber dürfen die Sicherheitsleute auch auf deutschem Hoheitsgebiet Kontrollen durchführen? Und wie sieht es mit der Versicherung der Mitarbeiter aus? Was ist, wenn jemand auf der anderen Seite der Grenze ein Bein bricht?“

Schließlich werden die Mitarbeiter schon bald mehrmals pro Tag die Grenze unbemerkt überqueren. Sie trinken Kaffee in Deutschland und gehen in den Niederlanden auf die Toilette.

Trotz des ganzen Hin und Hers und der Kosten glaubt Joosten unerschütterlich an das Unternehmen. „Ich erwarte eine hohe Synergie. Und dass wir die beiden Nationalitäten schon bald im Unternehmen zusammenbringen und von den Stärken beider Kulturen profitieren können. Das beginnt bei den Finanzen und setzt sich über die Personalabteilung und das Marketing bis zur Produktion fort. Bald gibt es außerdem Produkte, die sowohl Made in Germany als auch Made in Holland sind, was natürlich wiederum für das Image gut ist. Derzeit kommt von den Malern bis hin zu den Lieferanten alles aus den Niederlanden. Doch manchmal ist es vielleicht interessanter, in Deutschland zu suchen, und dafür fallen bald keine zusätzlichen Kosten mehr an.“

Idealisten

Würde er es auch anderen Unternehmern empfehlen, auf der Grenze zu bauen? Joosten braucht nicht lange nachzudenken. „Vernunftmenschen nicht, Idealisten schon. Außerdem gibt es in diesem Industriegebiet noch Grundstücke, die auf der Grenze liegen; die Möglichkeit besteht also.“