Berührungen sind ein Grundbedürfnis. Eine Untersuchung der University of Twente (UT) ergab, dass virtuelle Charaktere, die ihr Gegenüber berühren,  als freundlicher empfunden werden. Verschiedene Studien haben bereits erwiesen, dass Berührungen bei Menschen die Wahrnehmung positiv beeinflussen. Die UT hat nun festgestellt, dass dies im Prinzip auch für digitale Persönlichkeiten gilt. UT-Doktorand Gijs Huisman untersuchte dies anhand einer speziellen Manschette, die am Arm angelegt werden kann. Huisman promovierte Ende Februar 2017 mit dieser Arbeit. Zudem hat er auf der Plattform Kickstarter eine Kampagne gestartet, um ein Armband, das „HEY bracelet“, auf den Markt zu bringen. Das HEY bracelet ist das erste Armband, das menschliche Berührungen nachempfindet.

UT-Doktorand Gijs Huisman forschte mit Hilfe einer speziellen Manschette, die an einem Arm angelegt werden kann. Durch kleine Vibrationsmotoren vermittelt die Manschette dem Träger das Gefühl, gestreichelt zu werden. Testpersonen spielten ein Spiel mit einem Avatar. Wenn der Avatar sie berührte, fühlten sie das Streicheln über die Manschette. Der streichelnde Avatar wurde von ihnen freundlicher wahrgenommen, als ein Avatar, der sie nicht berührte. Berührungen sind ein biologisches Grundbedürfnis, wie verschiedene Studien belegen. Menschen, die berührt werden, sind eher geneigt, demjenigen, der sie berührt hat, positiver gegenüber zu treten. Eine Berührung kann beruhigend wirken und Stress abbauen. Kinder, die zu wenig körperliche Zuwendung bekommen, haben mit einem schwächeren Immunsystem zu kämpfen, zudem ist bei ihnen das Risiko für Lernprobleme erhöht. Huisman untersucht, inwieweit Technologie in Bereich der affektiven Kommunikation eingesetzt werden kann. Er beschäftigt sich dabei unter anderem mit der Frage, wie Menschen einander über größere Entfernungen hinweg berühren können und wie virtuelle Charaktere und soziale Roboter die Kontaktaufnahme zu Menschen mit Berührungen bereichern können. Es geht um „Social Touch Technology“.

Der Computer der Zukunft berührt die User

Zukünftige Computer werden zunehmend dazu in der Lage sein, ihre User zu berühren, prognostiziert Huisman. „ Es ist verrückt, dass dies bisher noch nicht der Fall ist. Angesichts des großen Stellenwertes, den Berührungen bei der Kommunikation zwischen Menschen besitzen.“ Assistenz-Anwendungen für Smartphones, wie zum Beispiel Siri, werden nach Huismans Einschätzung immer menschenähnlicher. Der Assistent wird begreifen, was in welcher Stimmung gesagt wird und darauf reagieren. Huisman: „Siri könnte in Zukunft einem Jogger einen Klopfer auf die Schulter geben, um ihn anzuspornen, schneller zu laufen. Oder die Hand des Users ergreifen, um Trost zu spenden. Berührungen intensivieren ein Erlebnis und vermitteln das Gefühl von Präsenz, alles erscheint realer. Das kann auch für Coaching- und Therapieprozesse und Unterhaltungszwecke sehr nützlich sein. Auch lassen sich Beziehungen mit räumlich weit entfernten Menschen vertiefen. Es gibt zahllose Möglichkeiten.“ Die Forschung van Huisman wird durch COMMIT, einer niederländischen Public-Private-Partnerorganisation zur Förderung von IT-Projekten, finanziert.

Innovatives Produkt entwickelt

Huisman entwickelte zusammen mit andern ein Armband, das Berührungen auf Abstand ermöglicht – das „Hey bracelet“. Es ist das erste Armband, das eine menschliche Berührung nachempfindet. Nicht mit einer mechanischen Vibration, sondern mit einem sanften „Kniff“. „Mit dem HEY bracelet können Menschen einander über Entfernungen hinweg berühren. Sobald sie das Armband drücken, wird diese Berührung an das Armband des Partners weitergegeben.“ HEY nutzt dafür eine neuartige Technik, die über Bluetooth mit dem Smartphone kommuniziert. Am 13. Februar wurde für HEY eine Kampagne auf der Plattform Kickstarter ins Leben gerufen. Der Zielbetrag wurde auf 125.000 Euro festgesetzt. Die Summe soll dazu dienen, die nächsten Schritte in Richtung Produktion des Armbandes zu gehen. Das gesteckte Ziel wurde innerhalb von 37 Tagen deutlich übertroffen: 1.553 Unterstützer steuerten insgesamt 148.839 Euro bei. Unternehmensgründer Mark van Rossum nahm Gijs Huisman wegen seines spezifischen Wissens mit „ins Boot“. Huisman: „Menschen, die das Armband ausprobieren, reagieren begeistert. Es fühlt sich an, als ob jemand sanft das Handgelenk drückt. Wir möchten Menschen auf der ganzen Welt das Gefühl physischer Intimität über große Entfernungen hinweg ermöglichen. Als Wissenschaftler bin ich sehr gespannt, welche Auswirkungen diese Technologie haben wird.“