Von: Caroline Wille, Rijnland Instituut

Hier geht es zum ersten Teil des Blogs von Caroline Wille.

 

Vor wenigen Wochen war es wieder soweit. Wir haben die Uhren umgestellt. Eine Stunde zurück, Winterzeit. Wir haben alle dran gedreht, Deutsche und Niederländer. Alles wie gehabt. Innerhalb der EU wird diskutiert ob die Zeitumstellung abgeschafft und welche Zeit eingeführt wird. Die EU Kommission sagt dass jedes Land selbst entscheiden darf, ob es Sommer- oder Winterzeit haben möchte.

Fortsetzung: Ich arbeite selbst im grenzübergreifenden Bereich, versuche Themen in der Grenzregion praktisch umzusetzen, Hilfestellung zu leisten und die Mobilität über die Grenze hinweg einfacher zu gestalten. Ich versuche die unterschiedlichen Systeme für andere begreifbar zu machen und Brücken zu bauen, um in unserer Grenzregion leben und arbeiten zu können.

In unseren zweisprachigen Projekten haben wir immer mit Barrieren zu tun. Die offensichtlichste – die Sprache. Die meisten Teilnehmer haben ein Interesse am Nachbarland, jedoch beherrscht nicht jeder die jeweils andere Landessprache, also haben wir die Übereinkunft getroffen; jeder spricht seine eigene Sprache. Hier und da kommt es zu wilden „Sprachwechseln“. Einer beginnt seinen Satz auf Deutsch und beendet ihn im Niederländischen, weil er zu komplex war, dem Gegenüber das Verstehen erleichtert werden soll, weil einem manche Wörter eben nur in einer Sprache einfallen wollen. Aber dies ist kein Problem. Oft wird auch noch einmal zusammenfassend übersetzt, es herrscht Einigkeit und Verständnis.

Doch wie gestaltet sich in dieser Zukunft dann die Terminplanung? Doppelbuchungen einer Stunde sind quasi vorprogrammiert, ebenso Verspätungen. „Können Sie am Montag um 8 Uhr?“ „Ja sicher.“ „Haben Sie am Montag um 9 Uhr noch Platz im Terminplan?“ „Ja, das geht.“ Super, und dann stehen Herr Fischer und Meneer Kuiper beide zur gleichen Zeit bei mir im Büro. Nein kein Konflikt im Terminkalender, sondern einer in den unterschiedlichen Zeitzonen.

Was bedeutet dies für die Infrastruktur in unserer Grenzregion? Kooperationen zwischen Firmen? Schon heute scheitern Gemeinschaftsprojekte nicht selten an unterschiedlichen kulturellen Gegebenheiten. So fühlt sich der Niederländer beleidigt, wenn er nicht mit einer warmen Tasse Kaffee begrüßt wird und fühlt sich nicht willkommen. Und der Deutsche versteht nicht die Flexibilität der Niederländer, die dann als Unzuverlässigkeit ausgelegt wird. Stellt man sich dann einmal eine missglückte Terminabsprache vor, das Scheitern ist quasi greifbar.

Austauschprojekte zwischen Schulen sind fast undenkbar. Denn wir können erst starten, wenn alle in der Schule sind und wir müssen pünktlich enden, wenn die ersten schon wieder Schulschluss haben. Jahrelang haben wir dafür gekämpft, dass Internationalität in unserer Grenzregion in den (schulischen) Alltag integriert wird. Studenten haben zusammen Unterricht bekommen, Schüler haben sich vormittags gegenseitig besucht. Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Die Schule in Deutschland und die Schule in den Niederlanden wollen einen gemeinsamen Schultag miteinander verbringen. Ein Thema ist gewählt, der Tag auch. Schulstart ist in den Niederlanden grundsätzlich um 8.30 Uhr, in Deutschland um 8 Uhr. Da geht uns in der Planung immer schon eine halbe Stunde verloren. Schulschluss ist um 13 Uhr.

Das Treffen soll um 9.30 Uhr starten.

9.30 Uhr in Deutschland und 8.30 Uhr in den Niederlanden. Also warten wir in Deutschland noch eine Stunde bevor die Niederländer bei uns sind, da vorher bei ihnen die Schule überhaupt nicht angefangen hat. Es ist also 10.30 Uhr in Deutschland, wenn wir anfangen. In den Niederlanden klingelt um 13 Uhr die Schulglocke zum Schulschluss, dann ist es in Deutschland aber schon eine Stunde später. Aus vier Stunden Projektlaufzeit (exkl. der Fahrzeit), werden noch drei Stunden. Jeder der schon einmal ein solches Projekt begleitet hat, weiß, was diese fehlende Stunde in der Praxis für die Tagesgestaltung bedeutet.

Nun mag man sagen, was ist schon eine Stunde. Aber eine Stunde kann sehr entscheidend sein. Wenn man grenzübergreifende Kooperationen betrachtet, verkürzt sich die gemeinsame Arbeitszeit tatsächlich um zwei Stunden. In der ersten Stunde fehlt der eine Teil des „Teams“ in der zweiten Stunde der andere Teil.

Nun kann man sagen, andere Länder müssen ebenfalls mit unterschiedlichen Zeitzonen zurechtkommen und arbeiten trotzdem zusammen. Es wird ein Umdenken in unserer Region stattfinden müssen.

Und ich werde vom Grenzpendler zum Zeitzonennomaden und zum Sonderfall in der Arbeitsplatzgestaltung, da ein Leben und Arbeiten in den unterschiedlichen nationalen und regionalen Systemen schon jetzt ein (bürokratischer, kultureller und administrativer) Kraftakt ist, zeitlich gesehen dann aber zum Drahtseilakt wird.

 

Caroline Wille. Foto: Hoge Noorden / Jacob van Essen

Über die Autorin

Caroline Wille ist an der NHL Stenden in Emmen seit 2011 für grenzübergreifende Angelegenheiten im Rijnland Instituut tätig. Sie beschäftigt sich neben inhaltlichen Hochschulthemen auch mit regionaler Projektarbeit. Aufgewachsen ist sie in Deutschland studiert hat sie in den Niederlanden.  Heute lebt und arbeitet sie in beiden Ländern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

X