Werner Brand ist 1. Vorsitzender der deutsch-niederländischen Bürgerinitiative Dinxperwick – ein Name, der sich aus Dinxperlo, ein Ortsteil der niederländischen Gemeinde Aalten, und Suderwick, ein Stadtteil von Bocholt, zusammensetzt. Im Interview mit AHA24x7.com spricht Werner Brand über das Leben an der Grenze, die Idee zur Bürgerinitiative und Besonderheiten der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit.

AHA24x7.com: Als Mitinitiator der deutsch-niederländischen Bürgerinitiative Dinxperwick sind Sie ein Mensch, der das vereinte Europa lebt. Was macht es für Sie so besonders, an einer offenen Grenze zu wohnen?

Werner Brand

Werner Brand: Als Jugendlicher, der in Trier zur Schule gegangen ist, bin ich früh mit den Nachbarländern Luxemburg und Frankreich in Berührung gekommen und habe gemerkt, wie verletzlich die Grenzen aufgrund der Erfahrungen der vorigen Generationen sind und wie viele Vorurteile es hüben und drüben gab und zum Teil immer noch gibt. Die physisch offenen Grenzen sind eine gelebte Utopie – denn in den Köpfen bestehen immer noch Grenzen – und in den Verwaltungsstrukturen auch noch.

AHA24x7.com: Wie sahen Ihre ersten (persönlichen) Berührungspunkte mit den Niederlanden aus?

Werner Brand: Die Niederlande habe ich erst spät kennengelernt, da ich früher stark auf Frankreich fokussiert war, in der Schule auch Französisch gelernt habe und so zum Frankophilen wurde.

Wie viele Deutsche, lernte ich erst die Küstenregion kennen – Zeeland und die Inseln wie Vlieland und Schiermonnikoog. Als Kunstwissenschaftler wusste ich natürlich, dass die Niederlande mehr als Tulpen und Käse zu bieten haben. Die Kulturnation Niederlande ist das, was mich später am meisten fasziniert hat – die Differenz im Ähnlichen könnte man sagen.

 

„Die Stärke grenzüberschreitender Zusammenarbeit besteht darin, dass dadurch der 360°-Blick entwickelt werden kann und man neue Möglichkeiten entdeckt, die nicht in das Sichtfeld kommen, wenn man den eigenen Horizont auf das eigene Dorf bzw. Land begrenzt.“

 

AHA24x7.com: Wie ist die Idee zu dieser Bürgerinitiative entstanden?

Werner Brand: Der Ursprung der Bürgerinitiative ist der gemeinsame, grenzüberschreitende Kampf gegen eine Kiesabgrabung, die 2010 bis 2013 in der Regionalplanung für unser Dorf drohte. Durch die Zusammenarbeit mit unseren Nachbarn in Dinxperlo und Aalten waren wir organisatorisch und emotional stärker und konnten die Kiesabgrabung gemeinsam zumindest zeitlich aufhalten. Die Energie, die wir dadurch gewonnen haben, stecken wir jetzt in die Dorfentwicklung in unserem Zwillingsdorf an der Grenze, das wir „Dinxperwick“ nennen.

AHA24x7.com: Stellen Sie fest, dass die Gemeinschaft durch die Bürgerinitiative gestärkt wird?

Werner Brand: Die Gemeinschaft in unserem Dorf muss z.T. erst gebildet werden – es gibt eine dreifache Integrationsaufgabe: (1.) zwischen den Konfessionen, (2.) zwischen den Dörfern Dinxperlo und Suderwick und (3.) zwischen den Generationen.

Die Aufgabe wird noch dadurch erschwert, dass die beiden Dörfern nicht unabhängig sind als autonome Verwaltungseinheiten, sondern Teil von größeren Kommunen: Bocholt auf deutscher und Aalten auf niederländischer Seite. Die beiden Kommunen haben seit vielen Jahren einen Internationalen Beratungsausschuss (IBA) oder eine AdviesCommissie (AC), die aber, wie der Name schon sagt, nur beratende Funktion hat. Durch unsere Arbeit tragen wir dazu bei, dass der IBA eine reale Funktion für Entwicklungsprozesse im Dorf bekommt, u.a. dadurch, dass wir gemeinsam an INTERREG und LEADER teilnehmen.

AHA24x7.com: Wo sehen Sie die Stärken einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit?

Werner Brand: Die Stärke besteht darin, dass durch die Zusammenarbeit über die Grenze der 360°-Blick entwickelt werden kann und man neue Möglichkeiten entdeckt, die nicht in das Sichtfeld kommen, wenn man den eigenen Horizont auf das eigene Dorf bzw. Land begrenzt. Man lernt auch Menschen kennen, die man sonst nicht kennenlernen würde – in meinem Fall z.B. Menschen aus der Kunst- und Kultursphäre, die hier an der Grenze sehr lebendig ist.

 

„Die größte Herausforderung besteht in der Sprachbarriere, die es für die älteren Mitbewohner durch den Dialekt nicht oder kaum gab.“

 

AHA24x7.com: Was sind aus ihrer Sicht die Vorteile der Nähe zu den Niederlanden?

Werner Brand: Die Vorteile liegen auf unterschiedlichen Feldern:

  1. Geographisch: Die Achterhoek ist eine sehr schöne, abwechslungsreiche Kulturlandschaft, in der man immer wieder Neues entdecken kann.
  2. Kulturell: Mich fasziniert die „Differenz im Ähnlichen“, wie oben angesprochen – viele Dinge sind in den Niederlanden ähnlich, aber doch wieder anders organisiert, und es freut mich, immer wieder neue Facetten unseres Nachbarn zu entdecken. Außerdem entwickele ich eine Art grenzüberschreitendes Heimatgefühl, das sich auf die ganze Grenzregion erstreckt und nicht in tradierten Grenzen und Begriffen wie Münsterland oder Rheinland oder Gelderland Halt macht.

AHA24x7.com: Was sind für Sie die größten Herausforderungen beim grenzüberschreitenden Arbeiten?

Werner Brand: Die größte Herausforderung besteht in der Sprachbarriere, die es für die älteren Mitbewohner durch den Dialekt nicht oder kaum gab. Daher engagiere ich mich auch dafür, dass die Nachbarsprache möglichst früh gelernt wird. Zudem mache ich Übersetzungen für niederländische kulturelle Institutionen, um ihren Bekanntheitsgrad über die Grenze hinaus zu vergrößern und mehr Menschen kulturelle Möglichkeiten jenseits der Grenze zu erschließen.

Eine zweite Herausforderung besteht in den bürokratischen Hürden bei der Teilhabe an Projekten wie INTERREG oder LEADER – man braucht schon sehr viel Idealismus, wenn man sich nicht durch die Fülle an Formularen und Bescheinigungen abschrecken lassen will – und professionelle Hilfe durch interkulturell arbeitende Projektbüros.

Übrigens habe ich gerade im Internet entdeckt, dass es keine Entsprechung für anglophil oder frankophil gibt, auf die Liebe zu den Niederlanden bezogen – vielleicht sollten wir diese Entsprechung einführen, mein Vorschlag wäre néerlandophil – in Anlehnung an frankophil.