Ein Blog von Katja Schleicher

In Homeoffice-Zeiten beginnen unsere Gespräche viel öfter mit Unperfektem: das provisorisch zusammengezimmerte Video-Konferenz-Setup. Die achtjährige Tochter, die mit einer Hausaufgaben-Frage ins Telefonat platzt. Sie beginnen auch mit einer unerwarteten Support-Einheit: „Kann ich Euch schnell mal was fragen? Bei mir ist der Hefeteig wieder nicht aufgegangen. Woran kann das liegen?“ Innerhalb von Minuten habe ich drei gute Tipps für den nächsten Versuch. Das ist als Start in einem Real Life-Meeting schwerer vorstellbar. Trotzdem sind wir alle schneller bei der Sache und auf den Punkt: hierarchisches Gespreize und Rumgelaber ernten schnell Kopfschütteln und werden gekappt.

Meta-Kommunikation

Durch „miteinander reden statt übereinander“ reduzieren wir das Ausmaß an Missverständnissen. Wir sagen öfter und häufiger, wie wir etwas meinen und drehen extra Empathie-Runde gern. Irgendwie ist auch das dauernde (unnötige) Entschuldigen fast wie von selbst verschwunden… Weil es ohnehin bei niemandem perfekt läuft. Und jeder das auch weiß.

Wir haben im Business jetzt die unglaubliche Chance, mit Kommunikation einmal mehr aus dem eigenen Mikrokosmos in den Mikrokosmos der anderen zu springen. Schnell. Geradezu ohne Vorwarnung. Bei so viel Neuem und Andersartigem in der Kommunikation bleiben nämlich alle Beteiligten alert und aktiv (schnell noch Mascara aufgetragen, das Hemd übergestreift und ab in den nächsten Video-Call). Gar nicht couch-potatoe-mäßig. Eher leicht gespannt und auf dem Sprung. Das ist übrigens einer der Gründe, warum Video- und Telefon-Konferenzen gefühlt oft anstrengender sind als Live-Meetings.

Drei der großen kommunikativen Hindernisse werden durch die für uns ungewohnten Kommunikationskulissen automatisch verkleinert:

Unsicherheit

Wir müssen uns im Moment auf uns selbst verlassen. Proaktiv unsere kommunikativen Stärken sichtbar machen. Sich trauen, PROAKTIV Angebote zu machen. Und dann schauen, was der eigene Gedanke bei den anderen taugt. Daraus entsteht eine neue Art des Dialogs. Oder gar Multilog. An den Chancen, die aus den vielen Lösungsansätzen entstehen, lässt sich lange und intensiv weiterarbeiten. Vertrauen und Transparenz werden die Währungen sein, in denen sich kommunikativer Erfolg messen wird.

Unkenntnis

Keiner weiß was Genaues. Alle fahren auf Sicht. Und alle geben es zu. Das eröffnet auch denen Räume, die selten was sagen, um mit einer Idee zu kommen. Und die, die immer was sagen (müssen), können sich mal den Druck des ewigen Schlaumeiers von den Schultern nehmen lassen. Wir werden einander besser zuhören. Schlicht und ergreifend, weil unsere Ideen gerade jetzt nur im Miteinander kommunikativ zum Leben erweckt werden können.

Überheblichkeit

Wenn Unkenntnis als Fakt akzeptiert und Unsicherheit allgemein zugegeben wird, büßt Überheblichkeit viel von ihrem Nährboden ein. In den Video-Konferenz-Frames der Bildschirme sehen wir alle gleich groß, hoch oder niedrig aus. „Herrschaftswissen“ hat ausgedient. Das wird manchen Chef überflüssiger machen und agile Strukturen aufblühen lassen.

Drei der agilen Grundsätze haben sich in den neuen Umständen schon durchgesetzt:

  • Menschen und Interaktionen sind wichtiger als Prozesse und Werkzeuge.
  • Funktionieren ist wichtiger als Dokumentieren.
  • Reagieren auf Veränderung geht vor dem strikten Ausführen von Plänen.

Resilienz in der Kommunikation wird das integrierende Element für alle digitalen und analogen Herausforderungen sein. Nicht auf alles vorbereitet zu sein, sondern das Unbekannte, Unsichere zu integrieren.

So wird einer neuen Konversationsintelligenz und Gesprächskultur der Boden geebnet, die wir alle sehr gut nutzen können. Nicht zu vergessen: Oft erweisen sich ja die Provisorien als dauerhaft beste Lösungen.

 

IMG_4031Die Autorin

Die Autorin genießt die alltäglichen Dinge in beiden Sprachen. Das leicht liebevoll verquatschte Niederländisch, und das glatt sortierte,  rhythmische Deutsch. Zu ihren interkulturellen Kommunikationstrainings geht es hier: www.interview-training.eu

 

 

 

 

 

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