Es gibt einen neuen Straßenfeger: die Pressekonferenzen von Merkel und Rutte zu den Corona-Entwicklungen. Okay, der Fußball rollte nicht, das war natürlich hilfreich! Dennoch stoßen diese Pressekonferenzen sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden auf gewaltiges Interesse. Logisch, denn das Bedürfnis nach Klarheit ist in Coronazeiten riesig. Allerdings gibt es einen Unterschied in der Art und Weise, wie Merkel und Rutte kommunizieren. Welche Worte nutzen sie? Auf welche Weise erreichen sie die Menschen? Und was können deutsche und niederländische Organisationen und Unternehmen daraus lernen? Schaut man sich Pressekonferenzen von Merkel und Rutte an, so zeigt sich: Zwischen Merkels und Ruttes Krisenkommunikation liegen Welten. Eine Analyse von Ingeborg Lindhoud.

Raum für Interpretation

„Ein eindringlicher Appell“, „eine dringende Empfehlung“, „es wäre vielleicht vernünftig, darauf [auf Kontakt] zu verzichten“. Es ist der 12. März, der Tag, an dem der niederländische Ministerpräsident Rutte die ersten strengeren Maßnahmen und Kontaktbeschränkungen ankündigt. Oder besser gesagt: Er überlässt dies Gesundheitsminister Bruins. Anschließend äußert sich Rutte und verpackt seine Worte so, wie Niederländer sie gerne hören: Er gibt Ratschläge, er appelliert an die Vernunft der niederländischen Bürger und an die Selbstdisziplin. Es gibt konkrete Maßnahmen, wie in allen anderen Ländern, und es gibt Empfehlungen. Viele Empfehlungen, die Raum für Interpretation lassen und an die Mitverantwortung der Bürger appellieren: „Treffen von über 100 Personen wollen wir eigentlich nicht mehr sehen. Das gilt dann auch für unterschiedliche Organisationen. Wie diese damit umgehen, werde ich jetzt nicht bis ins letzte Detail festlegen. Das können sie bestimmt selbst.“

Szenenwechsel. Vier Tage später, Pressekonferenz von Bundeskanzlerin Merkel zu Maßnahmen der Bundesregierung im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Sie kündigt „einschneidende Maßnahmen“ an und ergänzt: „Weil diese Maßnahmen so besonders sind, möchte ich sie hier einmal im Detail vortragen.“ Neben ihr kein Gesundheitsminister, an den sie diese Aufgabe delegiert – das übernimmt sie selbst. Während der anschließenden Fragerunde macht sie klar, dass sie auf „ein gewisses Einsehen der Menschen“ hofft. Gleichzeitig betont sie jedoch, dass es Kontrollen geben wird. „Das muss sein. Das ist dann Ordnungsrecht“.

Viel prägnanter kann man die Unterschiede in der Krisenkommunikation nicht auf den Punkt bringen. Werden auf der einen Seite der Grenze die Zügel auch in der Wortwahl relativ lockergelassen, werden diese auf der anderen Seite deutlich straffer angezogen. Und noch etwas fällt auf: Während Merkel nur eine Pressekonferenz, am 11. März, zusammen mit ihrem Gesundheitsminister und RKI-Chef Wieler gehalten hat, trat Rutte seit Anfang März bereits 13 Mal zusammen mit seinem Gesundheitsminister oder dem Direktor der Gesundheitsbehörde RIVM (das Pendant zum Robert-Koch-Institut) vor die Kamera.

Fachwissen oder delegieren?

Sogar in Krisenzeiten bleiben Niederländer und Deutsche ihrem Managementstil treu und delegieren (auf niederländischer Seite) bzw. kommunizieren top-down (auf deutscher Seite). Damit entsprechen sie genau dem, was beiderseits der Grenze jeweils von einer Führungskraft erwartet wird.

Aus einer Managementuntersuchung geht hervor, dass 46 Prozent der befragten Deutschen von ihren Führungskräften Fachkompetenz erwarten. In den Niederlanden gilt dies lediglich für 17 Prozent. Sowohl Mark Rutte als auch Angela Merkel bedienen diese Erwartungen – und schaffen hiermit Vertrauen.

Rutte gibt offen zu, dass er kein Experte ist, sondern dass alle Entscheidungen in Absprache mit dem OMT (Outbreak Management Team) getroffen werden. Wenn er diese Entscheidungen kommuniziert, tut er das häufig gemeinsam mit den OMT-Fachleuten. Von ihm erwarten die Niederländer andere Führungsqualitäten: koordinieren, zusammenhalten, kommunizieren und delegieren. An die zuständigen Minister. An die Experten. Und an 17 Millionen Niederländer, so wie er in jeder Pressekonferenz betont.

Glaubwürdigkeitsbonus

Merkel hingegen erhöht ihre Glaubwürdigkeit, indem sie zwar immer wieder betont, die Entscheidungen „gemeinsam mit den Ministerpräsidenten“ (u.a. Pressekonferenz vom 20.04.2020) beschlossen zu haben, diese jedoch allein verkündet. Das verlangt ihre Position in der Hierarchie – in normalen Zeiten und erst recht in Krisenzeiten.

Dabei hat sie es, wenn es um die Sache geht, als Naturwissenschaftlerin natürlich deutlich leichter als der Historiker Rutte. Ihre rationale, nüchterne Art und ihr Hintergrundwissen geben ihr, wie kaum einem anderen Regierungsleiter, einen Vertrauensvorschuss. Wer immer noch nicht ganz verstanden hat, welchen Einfluss die Reproduktionszahl hat, sollte sich Merkels spontane Erklärung während der Pressekonferenz vom 16. April einmal anschauen. Eins kann ich Ihnen sagen: Hätte ich eine solche Mathelehrerin gehabt, hätte ich bestimmt bessere Noten geschrieben!

Teuflische Dilemmas

„Wir stehen vor teuflischen Dilemmas. Und damit habe ich in den vergangenen Tagen selbst auch schwer gekämpft,“ so Mark Rutte in seiner Pressekonferenz am 21. April. Ein Kampf, an dem er die Zuhörer teilhaben lässt mit Worten, die Emotionen durchklingen lassen. Er „würde liebend gerne sagen, dass viel mehr möglich wäre, aber das sei auch beängstigend und gefährlich.“ Mit Zahlen, Daten, Fakten oder abstrakten Begriffen holt man Niederländer nicht ab. Um sie von der Notwendigkeit der Maßnahmen zu überzeugen, setzt Rutte auf Alltagssprache und Emotionen. Und zeigt sich damit ganz nebenbei von seiner menschlichen, normalen Seite, so wie die Niederländer das gerne sehen.

Die menschliche Seite ist auch Angela Merkel nicht fremd. „Ich weiß ja um die Not vieler Menschen. Ich weiß um die Not von Eltern und Kindern, um die Not gerade auch von Alleinerziehenden“, heißt es in ihrer Pressekonferenz am 20. April. Außerdem betont sie, wie schwer es ihr fällt, Menschen ihre Freiheit zu nehmen – ihr DDR-Hintergrund macht glaubhaft, dass dies keine leeren Floskeln sind. Ihre Worte sind an dem Tag jedoch eher mahnend als Zeuge eines emotionalen inneren Kampfs. „Wir dürfen uns keine Sekunde in Sicherheit wiegen“, heißt es am Anfang dieser Pressekonferenz. Etwas weiter „wir müssen wachsam und diszipliniert bleiben“ oder an einer anderen Stelle „konsequent und diszipliniert“. Ihre Worte entsprechen ihrer nüchternen Art und dem deutschen Hang zur Vorsicht und regelkonformem Verhalten. Ihre Sprache ist die Sprache der „präzisen“ bzw. der „akribischen Rückverfolgung“, der „Kontaktpersonennachverfolgung“ und der „Öffnungsdiskussionsorgie“. Keine Begriffe, die Emotionen hervorrufen – außer vielleicht dem letzten –, sondern die funktionell sind und damit dem sachlichen deutschen Kommunikationsstil entsprechen. Und Merkels Sprachgebrauch tut noch etwas: Mit ihrer Wortwahl bestätigt sie ihren Status und beweist, dass sie die Materie beherrscht und Thema und Zuhörer ernst nimmt.

Worte, die wirken

Umfragen belegen: Das Vertrauen der niederländischen Bevölkerung in Ruttes Krisenmanagement bzw. der deutschen Bevölkerung in Merkels Krisenpolitik ist groß. Jeder schafft das auf seine Weise – die im anderen Land nicht funktionieren würde. Die Unterschiede liegen in der Art und Weise, wie die Regierungsleiter sprachliche Sicherheit geben, also ihr Krisenmanagement kommunizieren. Was können grenzüberschreitend tätige Unternehmen und Organisationen daraus lernen, nicht nur für ihre Krisenkommunikation, sondern auch für Veränderungsprojekte?

Tipps für Deutsche:

  • Verwenden Sie Alltagssprache, die nah bei den Menschen ist.
  • Verzichten Sie weitestgehend auf abstrakte Begriffe.
  • Zeigen Sie sich von Ihrer menschlichen Seite.
  • Erteilen Sie möglichst wenig direkte Befehle, Gebote oder Verbote, sondern verpacken Sie diese in Empfehlungen und Ratschläge.
  • Kommunizieren Sie als Führungskraft Entscheidungen gemeinsam mit Ihren Experten oder Beratern.

Tipps für Niederländer:

  • Verwenden Sie eine faktenorientierte, funktionelle Sprache.
  • Abstrakte Begriffe sind – im Rahmen – erlaubt und sogar erwünscht.
  • Zeigen Sie sich von ihrer rationalen und sachlichen Seite.
  • Reden Sie Klartext und verzichten Sie auf „Wischiwaschi“.
  • Kommunizieren Sie als Führungskraft Entscheidungen allein.

Den richtigen Ton treffen

Ihnen kommt die andere Art zu kommunizieren ungewohnt vor? Das kann ich gut verstehen. Schließlich ticken Niederländer und Deutsche in diesem Punkt wirklich anders. Das fühlt sich erst einmal schräg an!

Gerade Kommunikation ist etwas, das sehr eng mit uns selbst und unserer Identität verwoben ist. Dennoch ist es für Sie, wenn Sie als Führungskraft grenzüberschreitend tätig sind, wichtig zu wissen, wie Sie in herausfordernden Situationen den richtigen Ton treffen. Damit Sie richtig reagieren und die Menschen mitnehmen.

 

Über die Autorin

Ingeborg Lindhoud lebt in Kleve und führt interkulturelle Trainings und interkulturelle Beratungen durch. Mit ihrer Kommunikationsagentur symphony communication ist sie auf interkulturelle Kommunikation zwischen deutschen und niederländischen Geschäftspartnern spezialisiert.

 

 

 

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