Europas Grenzen sind längst gefallen – auch auf dem Arbeitsmarkt. In den Köpfen der Menschen ist das offenbar noch nicht überall angekommen. Bei der Jobsuche fällt der Blick oft nicht über die Grenze. Im IT-Sektor wagt man deshalb ein neues Projekt, das dazu beitragen möchte, die Grenze zu überwinden. Das sagte Bernd Hillbrands, Vorsitzender des „Software-Netzwerks Leer“, in einem Pressegespräch. Gemeinsam mit dem Landkreis Leer hat das besagte Unternehmens-Netzwerk über eine neue Kooperation mit dem „Campus Winschoten“ informiert.

Die Berufsschule aus den Niederlanden bietet schulische IT-Ausbildungen an, die mit einem halbjährlichen Praktikum in Betrieben abgeschlossen werden. Seit diesem Jahr ist dieses IT-Praktikum auch in ostfriesischen Unternehmen möglich. Eigens dafür haben sich die Software-Firmen HR4YOU aus Timmel sowie M&K ProCon und Orgadata aus Leer, als Praktikumsbetrieb in den Niederlanden akkreditieren lassen.

„So eine Zertifizierung ist in den Niederlanden nötig, damit Unternehmen überhaupt Praktikanten aufnehmen können“, erläutert M&K ProCon-Geschäftsführer Detlef Kuhlmann und Hillbrands ergänzt: „Da wir bei uns im Software-Netzwerk einen großen Bedarf an IT-Fachkräften haben, wollten wir diesen Weg gehen. Bislang bekommen wir Bewerbungen aus vielen Regionen, nur eben aus den benachbarten Niederlanden so gut wie gar nicht.“

Initiatoren und Teilnehmern des Projekts „Niederländische Berufsschüler in ostfriesischen IT-Firmen”. Foto: SonntagsReport/ Jan-Ole Smidt

„Mehr Möglichkeiten, den Job zu erlernen“

Zunächst kamen die niederländischen IT-Schüler mit einem Job-Bus auf Stippvisite nach Ostfriesland und besuchten die drei Unternehmen HR4YOU, M&K ProCon und Orgadata. Nach dem Erstkontakt kamen zehn Niederländer zum Praktikum zurück.

Von ihnen nahmen Dennis Derks, Rick Orsel und Robin Smit nach Abschluss ihrer Ausbildung am 1. September eine Arbeitsstelle in Ostfriesland auf. Und ihr Eindruck ist gut: „In Leer haben wir weitaus mehr Möglichkeiten, den Job zu erlernen. Dass hier so professionell und auch international gearbeitet wird, wissen bei uns in Holland nur wenige“, sagte zum Beispiel Orsel, der das Praktikum nach eigener Aussage „sehr genossen“ hat. Er habe mit seinen niederländischen Kollegen und Orgadata-Azubis unter anderem an der Entwicklung einer „augmented reality“ gearbeitet – also einem Prinzip, das auch dem Pokemon-Spiel zugrunde liegt.

Andere Herangehensweisen

Auch Jessie-Pascal Bollen empfand das Praktikum als „bereichernd“. Er gehört zu den fünf deutschen Azubis, die bei Orgadata ein halbes Jahr lang mit den Gästen aus den Niederlanden zusammengearbeitet haben: „Ich fand es interessant, dass die Niederländer teilweise ganz andere Herangehensweisen in der Software-Entwicklung haben als wir. Mir hat das Praktikum viel gebracht, auch weil ich mein Englisch verbessern konnte. Denn wir haben uns über Wochen hinweg ausschließlich in englischer Sprache unterhalten.“

Der Leeraner Landrat Matthias Groote unterstrich im Pressegespräch, dass der Landkreis Leer im Bereich der Fachkräftegewinnung bereits seit mehr als zehn Jahren mit der niederländischen Gemeinde Oldambt zusammenarbeite.

Seit Ende 2015 werden drei Projekte über die Ems-Dollart-Region (EDR) gefördert. Diese sind beim Landkreis Leer im Amt für Digitalisierung und Wirtschaft angesiedelt. Groote wörtlich: „Die Kooperation zwischen Software-Netzwerk und dem Campus Winschoten gehört zum Dachprojekt Arbeitsmarkt. Dabei werden Informationen über die verschiedenen Ausbildungssysteme praxisnah vermittelt. Auf beiden Seiten der Grenze lernen die Beteiligten voneinander.“

Kooperation soll weitergeführt werden

Sowohl Groote als auch Hillbrands bewerteten die Zusammenarbeit zum Wohl der IT-Betriebe als überaus erfolgreich. Dass drei von zehn Praktikanten bei den Unternehmen als Fachkräfte geblieben sind, ist in Hillbrands‘ Augen „für den ersten Anlauf schon mal ganz gut. Darauf lässt sich aufbauen.“ Ähnlich sieht das Ilona Heijen als Vertreterin der Ems Dollart Region, die Fahrtkosten und Deutschkurse für die Praktikanten finanziert hat.

Angesichts des guten Starts „soll die Kooperation auf jeden Fall weitergeführt werden“, so Landrat Groote. Bereits im November soll wieder ein Job-Bus rollen. „Vielleicht sind dann noch mehr Unternehmen aus unserem Netzwerk dabei“, hofft Hillbrands.

Mehr Informationen zum deutsch-niederländischen Arbeitsmarkt unter www.lkleer.de/Niederländischer-Arbeitsmarkt.

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