Ein Blog von Ingeborg Lindhoud.

Das Video (unter diesem Artikel) hat inzwischen weit über 300.000 Aufrufe. In der ganzen Welt will man sehen, wie der niederländische Ministerpräsident Rutte seinen verschütteten Kaffee selbst aufwischt. Ein Musterbeispiel niederländischer Bescheidenheit? Oder ein gewiefter Politiker, der die Kamera für sein Image genutzt hat?

„Would your prime minister do that?” twitterte die Deutsche Welle beim Video von Mark Rutte, der seinen eigenen Kaffee in einem Pappbecher trägt, sich wie jeder andere durch die Sicherheitsschleusen des Ministeriums hindurchzwängen muss, dabei den Kaffee verschüttet und anschließend selbst den Wischmopp in die Hand nimmt. Auch wenn es keine Inszenierung war, sondern ein Kameramann rein zufällig in der Nähe stand, passt das Video wunderbar zum niederländischen Ministerpräsidenten, der vor allem eins sein möchte: ein „Normalo“.

Der normalste Ministerpräsident

Mark Rutte achtet streng darauf, dass dieses Image aufrechterhalten wird. Gern und oft erzählt er, wie er das Normalsein bereits mit der Muttermilch aufgesogen habe. Bei den letzten Parlamentswahlen (im Jahr 2017) forderte er Zugewanderte dazu auf, sich den niederländischen Werten anzupassen und sich „normal“ zu verhalten. Mit anderen Worten: so zu sein wie „wir“.

Über den niederländischen Hang zum „normal sein“ könnte man Bücher schreiben. Zugeschrieben wird er dem bürgerlich-egalitären und calvinistischen Einfluss, der die Niederlande geprägt hat und immer noch prägt. Das höchste Lob, das man einem berühmten und somit nicht mehr ganz so normalen Niederländer geben kann? Er oder sie sei so „normal“ geblieben.

Der zwingende Charakter des Normalseins

Die Niederländer pochen zwar gern auf Ihren Individualismus, sind gleichzeitig aber sehr sensibel für alles, was von der Norm abweicht und im jeweiligen Zeitgeist als „normal“ betrachtet wird. Innerhalb der Gruppe feiert man seinen Individualismus, achtet aber gleichzeitig darauf, dass es gemeinsam „gezellig“ ist und sich keiner zu sehr hervortut – weder durch Luxusgüter noch durch Leistung oder Verhalten.

So betrachtet entspricht es also völlig den niederländischen Verhältnissen, dass Rutte nicht jemand anderen den Kaffee aufwischen lässt, sondern es selbst tut. Und natürlich ist er Profi genug, nichts dagegen zu haben, dass er dabei gefilmt wird – eine bessere Werbung für sein Image als normal gebliebener Ministerpräsident ist kaum denkbar. Gegen die kulturelle Prägung kommt niemand so leicht an, auch der niederländische Ministerpräsident nicht!

 

Über die Autorin

Ingeborg Lindhoud lebt in Kleve und führt interkulturelle Trainings und interkulturelle Beratungen durch. Mit ihrer Kommunikationsagentur symphony communication ist sie auf interkulturelle Kommunikation zwischen deutschen und niederländischen Geschäftspartnern spezialisiert.

 

 

 

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