Die Menschen am Niederrhein haben kein Problem damit über die Grenze zu fahren, wenn es darum geht, den Inhalt des Kleiderschranks aufzustocken oder die Seele im Urlaub baumeln zu lassen. Schließlich sind im niederländischen Nachbarland einige attraktive Ziele deutlich näher als im eigenen Land. Warum also quälen viele sich tagtäglich durch Staus, quetschen sich in volle Bahnen und investieren einen (Groß-)Teil ihrer Freizeit, um zu ihrem Arbeitsplatz in deutschen Metropolregionen zu pendeln, wenn Städte wie Nimwegen, Venlo und Roermond oder auch Maastricht – je nach Ausgangsstandort – so viel näherliegen? Einer, der sich berufsbedingt mit diesem Phänomen beschäftigt, ist Martin Unfried – der Ontgrenzer.

AHA24x7.com: Herr Unfried, was hat es mit der Bezeichnung Ontgrenzer auf sich?

Martin Unfried: Den Titel hat die Provinz Limburg mir verpasst, als ich eine Studie über die praktischen Probleme des grenzüberschreitenden Arbeitsmarktes für sie durchführte und anschließend gebeten wurde, mich an der Umsetzung einiger meiner Empfehlungen zu versuchen.

AHA24x7.com: Sie selbst leben und arbeiten in Maastricht – wie kam es dazu?

Martin Unfried: Durch ein europäisches Programm für Doktoranden und Postdoktoranden. Nach der zweijährigen Laufzeit des Programms habe ich mich am Institut EIPA beworben (European Institute of Public Administration) und offensichtlich hat es mir in Maastricht so gut gefallen, dass ich mittlerweile seit 20 Jahren hier lebe.

 

„Ich glaube, es ist tatsächlich möglich, jahrelang hier zu leben, ohne ein einziges Wort Niederländisch zu sprechen.“

 

AHA24x7.com: Haben Sie sich schnell in der niederländischen Kultur zurechtgefunden?

Martin Unfried: Ja, das habe ich, dabei hat man in Maastricht die Wahl. Erst Recht, wenn man im sehr internationalen universitären Umfeld arbeitet. Ich glaube, es ist tatsächlich möglich, jahrelang hier zu leben, ohne ein einziges Wort Niederländisch zu sprechen. Wir haben uns aber für einen anderen Weg entschieden, beispielsweise für niederländische statt internationale Schulen für unsere Kinder.

AHA24x7.com: Grenzinfopunkte sollen dabei helfen, Menschen den Weg über die Grenze zu erleichtern, ist das richtig?

Martin Unfried: Ja, es geht darum, Menschen beim Überschreiten der Grenze – zum Arbeiten, Wohnen und Studieren – individuell zu beraten. Man könnte meinen, dass innerhalb der Europäischen Union vieles harmonisiert ist, aber die nationale Gesetzgebung ist doch teilweise sehr unterschiedlich. Knifflig kann es beispielsweise werden, wenn Wohnort und Arbeitsplatz in zwei verschiedenen Ländern liegen. Eine gewisse Komplexität wird aufgrund der unterschiedlichen Gesetzgebung und auch immer wieder vorkommender Gesetzesänderungen bleiben. Das macht die Grenzinfopunkte sowie die regelmäßige Schulung der Mitarbeiter so wichtig.

AHA24x7.com: Und wie sind die Grenzinfopunkte entstanden?

Martin Unfried: Es gab verschiedene Untersuchungen, die zu dem Ergebnis kamen, dass die Informationsstruktur für den Bereich des grenzüberschreitenden Arbeitens sehr zersplittert ist. Es gab zwar Sprechzeiten der Euregios, aber kein einheitliches Vorgehen. In einer Absichtserklärung der Euregios wurde dann festgelegt, dass die Informationsdienste unter gleichem Namen und aufeinander abgestimmt ausgebaut werden. So soll auch ein konstantes Qualitätsniveau gewährleistet werden. Für die Qualität spielt auch die Abstimmung zwischen Frontoffice – also den Grenzinfopunkten – und Backoffice, sprich Organisationen wie die Rentenanstalt und Krankenkassen, eine wichtige Rolle. Denn nur Letztere dürfen rechtlich verbindliche Aussagen treffen.

 

„Andere Fragen sind, was in Krankheitsfällen zu beachten ist oder welche Formen der Arbeitsverträge es im Nachbarland gibt.“

 

AHA24x7.com: Bei welchen Fragen helfen die Mitarbeiter der Grenzinfopunkte?

Martin Unfried: Da geht es sehr oft um Steuern und Abgaben. Die werden in der Regel in dem Land gezahlt, in dem gearbeitet wird. Heutzutage arbeiten aber auch immer mehr Leute im Homeoffice und da gilt: Wer beispielsweise in den Niederlanden wohnt und in Deutschland arbeitet, dabei aber mehr als 20 Prozent von zu Hause aus tätig ist, fällt steuerlich wieder unter verschiedene Regeln beider Länder. Die heutige Flexibilität macht es also nicht leichter. Andere Fragen sind, was in Krankheitsfällen zu beachten ist oder welche Formen der Arbeitsverträge es im Nachbarland gibt. Fragen zu Urlaubsansprüchen, Kindergeld und Altersvorsorge werden ebenfalls oft gestellt.

AHA24x7.com: Jeder Fall muss also ganz individuell betrachtet werden?

Martin Unfried: Genauso ist es. Und den Interessenten wird auch deutlich vom Gang über die Grenze abgeraten, wenn der Mitarbeiter im Grenzinfopunkt der Meinung ist, dass dies im speziellen Fall von Nachteil wäre. Das kommt zum Beispiel oft bei Minijobs vor.

AHA24x7.com: Was wünschen Sie sich für die Grenzinfopunkte?

Martin Unfried: Die Grenzinfopunkte – aktuell sind es 18 entlang der niederländisch-deutschen und -belgischen Grenze – sollen sich als erste Anlaufstelle etablieren, wenn Menschen darüber nachdenken, im Nachbarland zu arbeiten, zu wohnen, zu studieren oder natürlich auch ihre Mitarbeiter zu rekrutieren. Ich weiß von den Kollegen hier in Maastricht, dass das Angebot gut angenommen wird. Außerdem wünsche ich mir eine engere Verzahnung mit der grenzüberschreitenden Arbeitsvermittlung. In Kerkrade ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung getan: Neben dem Grenzinfopunkt befindet sich auch ein deutsch-niederländisches Team für die Arbeitsvermittlung im gleichen Gebäude.

 

„Warum sollte man mehrere Stunden innerhalb des eigenen Landes zum Arbeitsplatz pendeln, wenn es doch viel näher sehr gute Möglichkeiten gibt?“

 

AHA24x7.com: Ist die Provinz Limburg durch ihre geografische Lage Vorreiter im grenzüberschreitenden Arbeiten?

Martin Unfried: Politisch gesehen könnte man das wohl durchaus sagen. Der Gouverneur der Provinz ist sich der Tatsache bewusst, dass das grenzüberschreitende Arbeiten aber eben auch die Zusammenarbeit der Länder absolut wichtig ist für die Entwicklung der Provinz. Und auch in Nordrhein-Westfalen ist die grenzüberschreitende Zusammenarbeit fester Bestandteil des neuen Koalitionsvertrags. So soll der grenzüberschreitende Arbeitsmarkt gestärkt werden. Ich sehe insbesondere auch große Potenziale für die Grenzregionen, sich als euregionale Metropolregionen zu verstehen. Hier im Süden gibt es große Städte wie Lüttich, Aachen, Maastricht und Hasselt, fünf Universitäten und viele, auch international agierende Unternehmen.

AHA24x7.com: Was ist ihr Plädoyer fürs grenzüberschreitende Arbeiten?

Martin Unfried: Es ist für mich einfach eine logische Konsequenz, wenn man in einer Grenzregion lebt. Warum sollte man mehrere Stunden innerhalb des eigenen Landes zum Arbeitsplatz pendeln, wenn es doch viel näher sehr gute Möglichkeiten gibt? In den Bereichen Shopping und Tourismus funktioniert das alles schon sehr gut. Für die Arbeitswelt muss das Bewusstsein erst noch geweckt werden.

 

INFO
All jene, die sich für das Arbeiten im oder die Rekrutierung von Personal aus dem Nachbarland interessieren ist der Grenzinfopunkt die richtige Adresse. Die Ansprechpartner vor Ort helfen weiter bei Fragen zu Formalitäten und sozialer Sicherheit. Die kostenlose Beratung erfolgt individualisiert, unabhängig und objektiv. Wo sich der nächstgelegene Grenzinfopunkt befindet sowie weitere Informationen sind der Webseite zu entnehmen: www.grenzinfo.eu www.grenzinfo.eu
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