Spannende Themen gab es in der Vergangenheit schon oft beim Studientag der Ems Dollart Region (EDR). Bei der 28. Auflage der niederländisch-deutschen Veranstaltung für Lehrer und Pädagogen wurde es aber kriminell. Denn das Thema lautete „Spannung / Spanning – deutsche und niederländische Krimilandschaften“.

Autorin Dr. phil. Marianne Vogel verdeutlichte in einem spannenden Vortrag, wie tiefgründig Krimis sein können. Foto: Ems Dollart Region

Über 80 Teilnehmer waren in das Kulturzentrum „Podium Zuidhaege“ in Assen gekommen und konnten sich im Vormittagsprogramm über bekannte Redner freuen. Die niederländische Schriftstellerin Dr. phil. Marianne Vogel eröffnete den Studientag mit ihrem Vortrag „Leichen und Landeskunde – über deutsche und niederländische Kultur und Geschichte in Krimis“. Vogels beliebte Krimis spielen in Berlin. Die Autorin erläuterte, wie sie fiktive Handlungen mit realen Geschehnissen der Geschichte verknüpft. Und dort sieht Vogel auch einen Ansatzpunkt, wie Krimis in der Schule genutzt werden können: „Auf diesem Wege können auch Infos der Zeitgeschichte vermittelt werden. Ich fand es schon immer interessant, den Menschen historische Geschehnisse ins Bewusstsein zu holen. Im Zusammenhang mit einer Krimi-Handlung kann das vielleicht nachhaltiger sein als auf anderem Wege.“

Marianne Vogels Bücher sind hintergründiger als gewöhnliche Krimis. Das bewies sie zuletzt mit ihrer Veröffentlichung „Geest en beest“, zu der noch keine deutsche Übersetzung vorliegt. Dabei ist das Thema auch aus deutscher Sicht besonders interessant. In dem Buch geht es um die reale Geschichte von SS-Hauptsturmführer Hans Ernst Schneider, der sich für tot erklären ließ und nach dem Krieg als Hans Schwerte weiterlebte und als progressiver Germanist auch an niederländischen Universitäten tätig war. Erst im Jahr 1992 wurde er enttarnt. In diesem Zusammenhang schlug Vogel die Brücke zur Goethe-Literatur – „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust“, heißt es im Faust. Ein Sinnbild für den Zwiespalt in Bezug auf Hans Schwerte und ein Indiz dafür, wie tiefgründig die Krimi-Autorin arbeitet.

„Krimis werden zu Unrecht oft als einfache Literatur dargestellt“

Ein weiterer bekannter Autor hielt den zweiten Vortrag des Vormittagsprogramms. Der Schriftsteller Peter Gerdes, der in Leer lebt, verknüpft in seinen Krimis ebenfalls unterschiedliche gesellschaftliche Themen mit der fiktionalen Handlung: „Das können unterschiedlichste Themen sein. Mal geht es um Neonazis oder politische Entwicklungen, aber ich habe auch schon Themen wie Magersucht und Lohndumping verarbeitet.“ Daher sieht er seine Werke und die darin benutzte Sprache auch als „schulwürdig“ an. „Krimis werden zu Unrecht oft als einfache Literatur dargestellt. Dagegen kann ich mich nur wehren“, betont Gerdes.

Möglichkeiten für die Verwendung im Schulunterricht sieht der ostfriesische Autor nicht nur hinsichtlich der verarbeiteten gesellschaftlichen und historischen Themen: „Ich habe beispielsweise mehrere Kurzgeschichten geschrieben. Man kann Schülern die Möglichkeit geben, ein eigenes Ende für diese Geschichten zu schreiben.“ Vorrednerin Marianne Vogel stimmt zu: „So können Krimis die Kreativität der Schüler fördern.“ Eines ärgert Peter Gerdes doch am Krimi-Hype – die Vielzahl der Bücher, die einige Autoren veröffentlichen: „Wir können niemandem verbieten, Krimis zu schreiben. Aber ich vergleiche das immer mit dem Brötchenkauf beim Bäcker oder in der Selbstbedienung im Supermarkt. Die Brötchen im Supermarkt kosten vielleicht nur die Hälfte. Aber schmecken uns diese Brötchen auch wirklich so gut wie vom Bäcker?“ Zum Schreiben eines Buches gehöre auch zeitaufwändige Recherche: „Für mich ist es wichtig, dass die Handlung glaubwürdig ist. Und die genannten Orte der Handlung müssen stimmen. Ich kann nicht aus einem Krimi, der beispielsweise in Hessen spielt, einen Ostfriesland-Krimi machen, indem ich einfach nur die Ortsnamen austausche. Die Kenntnisse über die geschilderten örtlichen Gegebenheiten sind für die Atmosphäre eines Krimis sehr wichtig.“

In mehreren Workshops wurden die Teilnehmer selbst aktiv – das Thema Sprachvermittlung stand im Blickpunkt. Foto: Ems Dollart Region

Zahlreiche Workshops

Der EDR-Studientag wurde im Nachmittagsprogramm traditionell mit zahlreichen Workshops abgerundet, in denen die Teilnehmer auch selbst aktiv wurden.
Im Fokus stand dabei in mehreren Workshops das Thema Sprachvermittlung an Schulen und wie diese mit Hilfe von Literatur, aber auch auf spielerische Art und Weise geschehen kann.

Martina Mauer, Studientags-Organisatorin der Ems Dollart Region, zog ein positives Fazit: „Es freut uns, dass das Thema des diesjährigen Studientags von den Teilnehmern sehr gut angenommen wurde. In Absprache mit der vorbereitenden Arbeitsgruppe des Studientags haben wir uns bewusst für ein Thema entschieden, das nicht typisch in Bezug auf Schule und Pädagogik ist. Der Brückenschlag zum Thema Literatur und Krimi hat interessante Ansätze und Diskussionsgrundlagen geliefert.“

Eröffnet worden war der 28. EDR-Studientag mit Begrüßungen von Assens Bürgermeister Marco Out und EDR-INTERREG-Geschäftsführerin Ilona Heijen.
Ermöglicht wurde die Organisation der Veranstaltung durch die Unterstützung mit Mitteln aus dem INTERREG V A-Programm Deutschland-Nederland, der Taalunie, der Niedersächsischen Staatskanzlei sowie von den Provinzen Drenthe, Fryslân und Groningen.

X