Grenzüberschreitendes Recycling von Altkleidern

Grenzüberschreitendes Recycling von Altkleidern

Die Altkleiderberge wachsen hierzulande massiv an und werden zum großen Teil vernichtet anstatt recycled wieder in die Textilwirtschaft zu gehen. Dabei sind Alttextilien ein wertvoller Rohstoff, der sich hervorragend wiederverwenden lässt. An einer industriellen Lösung zum Recycling von Altkleidern aus Mischfasern arbeitet imat-uve mit einem deutsch-niederländischen Projektkonsortium.

Die Recycling-Garne und -Webstoffe sollen vor allem Anwendung in der Automobilindustrie finden. 1,01 Millionen Tonnen Textilien, Altkleider und Neuware, die nie getragen wurde, landen jedes Jahr in Deutschland auf dem Müll (Quelle: BSVE). Bislang besteht nicht die Möglichkeit, diese Mengen an Alttextilien hochwertig weiterzuverarbeiten. Die meisten Textilien werden verbrannt oder zu minderwertigen Vliesstoffen verarbeitet. Die Problematik sind die verschiedenen Bestandteile der Kleidung, die in den meisten Fällen nicht aus sortenreinen sondern aus gemischten Fasern zusammengesetzt sind. Das kann sich nun ändern. Der Engineering- und Entwicklungsdienstleister imat-uve entwickelt mit einem Konsortium von Partnerunternehmen ein mechanisches Recyclingverfahren, das Alttextilien aus Mischfasern einer sinnvollen Wiederverwertung im Fahrzeug-Interieur zuführt. Bisherige Recyclingansätze verfolgen meist chemische Prozesse und sind daher nicht im Sinne von echter Nachhaltigkeit zu sehen.

Mechanischer Recycling-Prozess ohne Chemikalien

Durch Optimierungen des Recycling-Prozesses können die Mischfasern sehr fein aufgerissen und durch neue Technologien der Spinnereivorbereitung in ein besonders weiches gleichmäßiges Kardenband verarbeitet werden. Dieses bildet die beste Grundlage für das Verspinnen. Die entstehenden hochwertigen Garne (Nm15 und Nm28) können je nach Beimischung von Polyester für verschiedene Ansprüche weiterverarbeitet werden. In den Versuchen des Projekts wurden mittlerweile 12 Garn-Qualitäten in unterschiedlichen Mischverhältnissen gesponnen. Alle Ansätze beim Spinnen, sowohl im Technikum als auch auf industriellen Spinnmaschinen, führten zu sehr guten Ergebnissen. Die Rohware zur Herstellung der Garne besteht aus sortierter gebrauchter Arbeitskleidung (aus 60 Prozent Polyester und 40 Prozent Baumwolle) und Altkleidern (aus unbekannten Fasermischungen) sowie aus Roh-Polyester.

Gewebe für höchste Ansprüche

Aus den entstandenen Recycling-Garnen hat imat-uve diverse Gewebemuster erstellt. Im Webprozess zeigt sich ein hervorragendes Ergebnis. Selbst Garn aus 100 Prozent Mischfasern konnte ohne Komplikationen industriell gewebt werden. Es gab keine Fadenbrüche und kaum Faserabrieb beim Weben. In Versuchen mit vorherigen Garn- und Webversionen wurden Standardprüfungen für die Automobilindustrie, in der hohe Anforderungen an die Strapazierfähigkeit und an den Komfort der Textilien gelten, bereits sehr gut bestanden. Dabei wurde zum Beispiel beim Abriebverhalten mit Hilfe des Martindale-Tests eine Belastbarkeit von mindestens 50.000 Touren bescheinigt. Die modifizierten MartindalePrüfungen zum Eigen- und Fremdpilling sowie Heißlichtalterungen brachten ebenfalls gute Ergebnisse. Die Prognose für die aktuellen Gewebe lässt auf noch vielversprechendere Testresultate in den nächsten Versuchsreihen schließen. Gespannt erwarten die Projektpartner weitere Webversuche im Spätsommer 2020, bei denen Garne aus 100 Prozent Mischfasern nicht nur als Schuss- sondern auch als Kettfäden verarbeitet werden. Ein mit Open-End-Technologie gesponnenes Garn in der Feinheit Nm28/2 wird in den nächsten Versuchsreihen als kettfähige Variante zum Einsatz kommen. Für anspruchsvolle Designs ist Mischfaser-Recycling ebenfalls interessant. Die natürliche Durchmischung von Materialien und Farben in der Rohware führt zu attraktiven Farbgebungen des Garns und Gewebes. Durch gezieltes Vorsortieren der Altkleider sind außerdem spezielle Farbkompositionen möglich.

Push für die Textilwirtschaft in der Grenzregion Deutschland-Niederlande

Neben imat-uve besteht das Projektkonsortium aus den Partnern C2C ExpoLab, FBBasic, Stichting Texperium sowie Trützschler. Das Projekt wird im Rahmen des INTERREGProgramms Deutschland-Niederlande durch die Europäische Union unterstützt und vom nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministerium (MWIDE NRW), dem niederländischen Ministerie van Economische Zaken en Klimaat (EZK) sowie den Provinzen Limburg und Overijssel mitfinanziert. Die Anforderungen der Automobilindustrie gelten als höchste Ziele der Anwendung, die entwickelten Garne sollen aber auch anderen Branchen wie Architektur, Heimtextil und Bekleidung zur Verfügung stehen. Im Sinne einer Kreislaufwirtschaft mit Cradle-to-Cradle (C2C) Prinzipien soll das Gemeinschaftsprojekt für eine Reduzierung des CO2-Footprints von Textilien und einer Stärkung der Textilindustrie im Rhein-Maas-Gebiet sorgen. Die Prozessund Produktinnovation soll genutzt werden, um die Textilindustrie in der Grenzregion Deutschland-Niederlande als Innovationsführer im Bereich Mischfaserrecycling und textiler Kreislaufwirtschaft zu etablieren.

Text: euregio rhein-maas-noord

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