Die gute Nachricht: die niederländischen Ressentiments gegen die Deutschen werden kleiner und kleiner. Je jünger Ihre Gesprächspartner, desto unbefangener und internationaler wird man Ihnen begegnen. Optimale Startbedingungen! Trotz der nachbarlichen Nähe ist das Land hinter dem Deich jedoch kulturell weiter weg als vermutet. Die Unterschiede sind eher fein und liegen im Detail.

Die Niederländer rangieren in der Liste der glücklichsten Europäer auf Platz 2. Das merkt man als Deutscher besonders: alles fühlt sich ein bisschen leichtfüßiger und problemloser an. Das macht es wirklich leicht, in Kontakt zu kommen und sich wohl zu fühlen. Aber im Vergleich zu Deutschland sind Kontakte auch flüchtiger. Nur weil man sich sympathisch ist, entsteht noch keine Freundschaft fürs Leben. Begeisterung für eine Sache kann genauso schnell wieder verfliegen, wie sie entstanden ist. Da kann für Deutsche schon mal die eine oder andere Enttäuschung warten. Für Niederländer, die einen Großteil ihres Landes dem Wasser abgerungen haben, ist grundsätzlich erst einmal alles möglich. Schwierigkeiten werden eher als Herausforderung gesehen. Dadurch entsteht schnell eine tolle progressive Atmosphäre bei Projekten und in Meetings.

Der soziale Liberalismus des Landes hat durch eine verfehlte Integrationspolitik und einen damit verbundenen politischen Rechtsruck in den vergangenen Jahren einige empfindliche Dämpfer bekommen und ist gerade erst dabei, sich wieder zu erholen. Wirtschaftlich nach wie vor eines der stärksten europäischen Länder, hat  die „gefühlte“ Wirtschaftskrise, die grösser war als die reale Krise der letzten Jahre, die Niederländer einigermaßen verunsichert und verebbt erst langsam.

Freiheit und Flexibilität
Zwei der entscheidenden niederländischen Lebensprinzipien sind das der Freiheit und der Flexibilität. Zu viele Vorschriften und Regularien werden als Einschränkung der Lebens-Qualität empfunden – und oft pragmatisch umgangen. Das macht vieles möglich: kreative und gleichzeitig pragmatische Lösungen sind quasi niederländische Spezialität. Besonders für Deutsche, denen Sicherheit über alles geht, ist das oft schwer begreiflich. Niederländer haben oft bis kurz vor Projekt-Schluss noch eine „tolle Idee“, die unbedingt besprochen werden muss. Deshalb sind niederländische Meetings oft Geduldsproben für Planungs- und Agenda- versessene Deutsche.

In den Niederlanden herrscht vergleichsweise eine größere Gelassenheit gegenüber allem Neuen und auch gegenüber allem, was schiefgehen kann.
Das niederländische Allheilmittel heißt Humor. Es kommt im selbst im schlimmsten Schlamassel zum Einsatz. Er ist auch ein Zeichen des niederländischen Grundvertrauens, dass „alles gut“ wird. Versuchen Sie in jedem Fall, die Dinge leichter zu sehen, wenn Sie in den Niederlanden unterwegs sind. Lassen Sie die deutsche Perfektion mal eine Nebenrolle spielen.

Die Beziehungs-Seite ist in den Niederlanden oft genauso wichtig wie die Sach-Ebene. Deutsche tun gut daran, hier genauso viel Mühe zu investieren wie in die inhaltliche Vorbereitung. Wer sich als Deutscher Freunde machen will im Land von Käse und Blumen, ist gut beraten, die feinen Unterschiede anzuerkennen. Das betrifft unter anderen auch den Irrglauben, alle Niederländer sprächen Deutsch. Wer an der Pommes-Bude automatisch im deutschen Kommando-Ton bestellt („ich krieg zweimal Pommes Schranke“), darf sich nicht wundern, wenn er sich einen blöden Spruch einhandelt. Lieber –für deutsche Verhältnisse- überfreundlich fragen!

Kleine Gesten sind wichtig
Hierarchien sind zwar genauso vorhanden wie überall, sind aber viel weniger sichtbar und dienen kaum als Orientierung. Hilfreich: Behandeln Sie alle gleich freundlich. Das gilt auch für Hotels und Restaurants, wo selbst die Kellner erwarten, „gleichberechtigt“ behandelt zu werden und nicht wie Dienstboten. Auch Doktor-Titel und Uni-Abschlüsse lieber zurückhaltend kommunizieren. Nach einer sehr kurzen „Höflichkeits-Phase“ geht man unkompliziert zum „Du“ über. Das ist keineswegs als „Freundschafts-Angebot“ zu verstehen“, sondern hilft, schnell eine gemeinsame Basis für alle weiteren geschäftlichen und privaten Kontakte aufzubauen. Kleine Gesten sind wichtiger als die große Pose: man geht vielleicht nach Geschäftsabschluss schnell noch ein Bier trinken, um „na te praten“ (das Verhandelte emotional nach zu besprechen), aber nicht automatisch zum großen Dinner. Im Normalfall nimmt Sie Ihr Gesprächspartner vor Beginn des Meetings ganz unprätentiös mit zum Kaffeeautomaten (oft ungenießbar und in Plastikbechern). Respekt wird anders gezeigt und Sympathie anders aufgebaut.

Do‘s:

  • Lieber viele kleine Schritte machen als lange planen und dann den großen –unveränderlichen- Plan präsentieren. Niederländer wollen mitdenken, sich einbezogen wissen. Dann ziehen sie voll mit.
  • Sich emotional zugänglich zeigen. Sympathie für den Gesprächspartner ist in den Niederlanden fast so wichtig wie der Inhalt.
  • Spaß verstehen. Mitlachen. Humor hilft Niederländern fast immer. Besonders in kritischen Situationen.

Dont‘s:

  • Sich wichtigmachen. Egal, ob im Restaurant oder im Geschäftsleben: Durch das calvinistische Erbe sind die Niederländer sehr auf Gleichheit bedacht und finden angeberisches Gehabe schrecklich. Wer sich so verhält, bekommt oft die spöttische Seite der Niederländer zu spüren.
  • Fußball-Diskussionen. Irgendwo hat auch die die niederländische Toleranz Grenzen.

 

IMG_4031Über die Autorin

Katja Schleicher
ist Kommunikations-Trainerin, interkultureller Coach und Storytelling-Expertin im europäischen Umfeld. Sie wusste schon früh, dass Reden Gold und Schweigen der Anfang von allem Unglück ist. Deshalb bringt sie mit IMPACT! Communication Coaching Manager und Teams zum interkulturellen Reden – und arbeitet mit ihnen an der Verbesserung ihrer kommunikativen Wirkung im Dialog, Interviews und Präsentationen. In drei Sprachen und ganz Europa. www.interview-training.eu