Dieses schöne Sprichwort aus Tschechien ist ein Leitspruch, der sich durchaus auf die Tätigkeit des Übersetzers übertragen lässt. Denn es stimmt: Bei der Übersetzung von einer Sprache in eine andere ändert sich natürlich nicht meine grundsätzliche Geisteshaltung. Dennoch versuche ich, mich bei meiner Arbeit in den Autor des Ausgangstextes hineinzuversetzen, ihn zu verstehen und – um im Bild zu bleiben – ein klein wenig seine „Seele“ zu erforschen, um eine gute Übersetzung abzuliefern und sicherzustellen, dass die Aussage des Originaltextes in der Übersetzung erhalten bleibt.

Sprachkreativität weckt Bilder im Kopf

„Transkreation“ wird das auch gern genannt, eine Mischung aus „Translation“ und „Kreation“. Ursprünglich ein Begriff aus dem Bereich der Werbetexte, ist es jedoch eigentlich genau das, was viele Kunden sich unter der „Übersetzung“ von u. a. Texten vorstellen, die kommerziell genutzt werden. Eine wörtliche 1:1-Umsetzung des Ausgangstextes in eine andere Sprache wünschen nur die Wenigsten. Falls doch, handelt es sich häufig um technische Dokumente und/oder Anweisungen, bei denen die Kreativität und Bildhaftigkeit der Sprache in beiden Texten, nun ja, begrenzt ist. Sobald es bei einem Text jedoch auch darum geht, Bilder in den Köpfen der Leser zu wecken, wollen wir einfach mehr als nur eine reine Übersetzung.

Schließlich sollen nicht einzelne Worte, sondern eine ganze Botschaft (sprach-)vermittelt werden. Der in die andere Sprache übertragene Text soll beim Leser so ankommen, als wäre er in seiner Muttersprache verfasst  und nicht „nur“ aus einer anderen Sprache übersetzt worden. Dabei geht es manchmal nur um Nuancen, an anderen Stellen kann es aber durchaus zu Missverständnissen kommen, wenn der Übersetzer oder die Übersetzerin den Text allzu wörtlich übertragen hat.

Deftige Feierbiester – peinlich oder schmerzhaft?

Ein Beispiel: „Pijnlijke ervaringen“ macht vermutlich jeder Mensch mindestens einmal in seinem Leben. Dennoch macht es einen großen Unterschied, ob diese Erfahrungen als „peinlich“ oder „schmerzlich“ übersetzt werden. Beim Leser werden andere Bilder im Kopf erzeugt, wenn der Autor über ein „peinliches“ Erlebnis berichtet. Die Bandbreite ist groß und reicht vom Fremdschämen bis hin zum heimlichen Anflug von Schadenfreude – je nachdem. Geht es jedoch um eine „schmerzliche Erfahrung“, fühlen wir als Leser mit, empfinden Bedauern und manchmal gar Betroffenheit, wenn wir etwas Ähnliches schon selbst erlebt haben. Die phonetische Ähnlichkeit der Begriffe „pijnlijk“ und „peinlich“ kann da schon mal aufs Glatteis führen.

Ein markanter, wenn auch nicht alltäglich präsenter Vertreter der sogenannten „falschen Freunde“ ist das Wort „deftig“, das in derselben Schreibweise sowohl in der niederländischen als auch in der deutschen Sprache vorkommt. Allerdings mit Bedeutungen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Während im Niederländischen damit etwas höchst Vornehmes, Herrschaftliches oder Elegantes beschrieben wird, nutzt die deutsche Sprache dieses Adjektiv für das genaue Gegenteil: Wer in Deutschland eine „deftige“ Mahlzeit bestellt, erwartet eher gute Hausmannskost als ein edles Menü in einem Fünf-Sterne-Restaurant – welches wiederum in den Niederlanden durchaus mit „deftig“ umschrieben werden könnte. Ein deftiger Witz eignet sich selten für zarte Gemüter beider Nationen, und eine deftige Niederlage käme wohl jenseits der Grenze am ehesten einem „debacle“ gleich. Umgekehrt mag man sich gar nicht so recht vorstellen, wie es wohl ankäme, wollte man der Gastgeberin einer noblen Dinner-Party in Düsseldorf eine Freude mit dem Kompliment bereiten, ihr maßgeschneidertes Abendkleid sei äußerst deftig…

Manchmal finden übrigens Begriffe, die ursprünglich einer Übersetzungsfalle entstammen, sogar Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch: So hätte es sich der niederländische Fußballtrainer Louis van Gaal vermutlich niemals träumen lassen, welche Wellen seine deutsche Übersetzung des in den Niederlanden gängigen, hierzulande jedoch weitgehend unbekannten Begriffs „feestbeest“ schlagen würden. Noch heute, lange nachdem Louis van Gaal – dem im Übrigen höchster Respekt dafür gebührt, sich in kürzester Zeit die Sprache seines neuen Arbeitgebers in Deutschland nahezu perfekt angeeignet zu haben – seine Tätigkeit als Trainer von Bayern München beendet hat, ist für viele Menschen sein Name eng mit dem Bild vom „Feierbiest“ verbunden. Ein Begriff, den ein anderer Niederländer, der sich ebenfalls als Fußballtrainer der Bundesliga unsterblich gemacht hat, im Jahr 2015 nochmal aufgriff, um klarzustellen, dass er „kein Feierbiest, nur ein ganz normaler Huub“ sei – nämlich Huub Stevens. Spätestens seitdem gehört der Ausdruck (zumindest bei den Fans der Fußball-Bundesliga) auch zur deutschen Umgangssprache. Und seien wir ehrlich: das „Feierbiest“ lässt noch spannendere Bilder vor unserem geistigen Auge auftauchen als der „Partylöwe“, einem Begriff, der wohl der eigentlichen Übersetzung am nächsten kommt.

Über den Autor

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