Ist Niederländisch eine schwierige Sprache? Oder genauer: Ist Niederländisch für Deutsche schwierig zu erlernen?

Über die niederländische Sprache existieren in Deutschland viele Missverständnisse. Zuallererst ist da der Name: Heißt es nun Holländisch oder Niederländisch? Und geht es hier überhaupt um eine richtige Sprache? Manche denken, es sei ein deutscher Dialekt – und wenn man Plattdeutsch könne, verstünde man auch Niederländisch. Weit gefehlt. In ihrem Blog erklärt die in den Niederlanden geborene und in Hannover lebende Sprachexpertin Alexandra Kleijn einige Unterschiede zwischen der deutschen und niederländischen Sprache.

## Die Verwandtschaft

Niederländisch und Deutsch sind eng miteinander verwandt. Die beiden Sprachen sind wie Schwestern, die nach der Pubertät ihre eigenen Wege gegangen sind. Man sieht ihnen die Ähnlichkeit an, aber während die eine Schwester nach dem Abitur Jura studiert, Karriere gemacht hat und in der Großstadt lebt, ist die andere um die Welt gereist, hat jung geheiratet und betreibt mit ihrem Partner einen Biohof irgendwo auf dem Land. Sie haben sich ein bisschen auseinandergelebt, verstehen sich aber noch gut.

Was macht Niederländisch relativ leicht zu erlernen für Deutsche?

## Der Satzbau

Deutsche, die Niederländisch lernen möchten, haben Spaniern, Türken, Chinesen und Schweden gegenüber zwei große Vorteile. Zum einen ähnelt der niederländische Satzbau dem des Deutschen sehr. So sehr sogar, dass viele Deutsche unwillkürlich englisch anmutende Satzkonstruktionen bilden, um einen Hauch von Fremdsprache reinzubringen. Aber warum sollte man es sich schwer machen, wenn das gar nicht notwendig ist?

DE: Ich stehe morgen um halb sechs auf.

NL: Ik sta morgen om half zes op.

EN: Tomorrow I will get up at half past five.

DE: Übermorgen kann ich ausschlafen.

NL: Overmorgen kan ik uitslapen.

EN: The day after tomorrow I will be able to sleep late.

## Der Wortschatz

Durch die gemeinsamen Wurzeln haben das Deutsche und das Niederländische auch sehr viele Ähnlichkeiten im Wortschatz. Komplett “geschenkte” Wörter sind zum Beispiel arm, papier, tante, regen, wind, angst, pech und macht. Bei tomaat, stad, baardhaar, hond und appel ist auf Anhieb klar, was sie bedeuten. Diese Ähnlichkeit gibt es natürlich nicht nur bei Substantiven: denken, blasen, telefoneren, confronteren, stoppen, morgen, in, enig oder verkeerd werden deutsche Muttersprachler(innen) mühelos verstehen.

## Die falschen Freunde

Die weitgehende Ähnlichkeit birgt auch Tücken. Gerade zwischen eng verwandten Sprachen wie dem Niederländischen und dem Deutschen muss man immer vor sogenannten falschen Freunden auf der Hut sein. Es sind Wörter, die ähnlich oder sogar gleich aussehen, aber etwas ganz anderes bedeuten.

## Grammatik

Niederländer, die Deutsch lernen, schimpfen oft auf die Grammatik und vor allem auf die Fälle. Sie brauchen lange, bis die Beugungen und Deklinationen in Fleisch und Blut übergegangen sind. Das ist frustrierend, denn erst wenn das klappt, spricht man die Sprache fließend.

Umgekehrt haben Deutsche es beim Niederländisch-Lernen einfacher: Die Grammatik ist recht logisch aufgebaut und hat Regeln, auf die man sich verlassen kann, ohne sich vor einer einschüchternden Reihe von Ausnahmen fürchten zu müssen.

## Er –

Natürlich gibt es auch Dinge, die sich einem nicht so einfach erschließen und die man nicht mit Hilfe von Regeln lernen kann. Der richtige Gebrauch des eher unscheinbaren Wortes “er” ist einer dieser Stolpersteine. Hier hilft nur viel Übung und vor allem: sehr gut darauf zu achten, in welchen Fällen die Muttersprachler es nutzen.

## Die Rechtschreibung

Die niederländische Rechtschreibung ist im Vergleich zur deutschen systematischer. Das bietet Halt und hilft auch bei der Aussprache.  Wie man etwas schreibt und wie man es spricht, hängt im Niederländischen enger zusammen als im Deutschen. Im Mittelpunkt steht hier das Prinzip der offenen und geschlossenen Silben. Wer das System einmal durchblickt hat, wird fortan grundsätzlich wissen, wie ein niederländisches Wort geschrieben oder ausgesprochen wird.

Mit dem zweiten Teil des Blogs geht es am Freitag, 16. Juni, weiter.

Über Alexandra Kleijn

Die gebürtige Niederländerin (Hilversum) lebt seit 1997 in Hannover. Sie arbeitet als freiberufliche Übersetzerin und unterrichtet ihre Muttersprache in der Erwachsenenbildung. In ihrem Blog buurtaal schreibt Alexandra Kleijn seit 2009 über die Unterschiede zwischen der deutschen und der niederländischen Sprache und Kultur. Seit Mai betreibt sie das Forum „Niederländisch für Deutsche – Deutsch für Niederländer“.

 

 

 

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