Interview mit Sylvia van der Weerden, Geschäftsführerin von Radboud in’to Languages, dem Euregionalen Kompetenzzentrum für Sprache und Kommunikation der Radboud Universität Nimwegen, über die aktuellen Veränderungsprozesse in der Fremdsprachenvermittlung und die Herausforderungen des digitalen Zeitalters.

AHA24x7.com: Frau Van der Weerden, Städte und Gemeinden aus der deutsch-niederländischen Grenzregion schicken schon mal Bürgermeister und Verwaltungsbeamte zu Ihrem Institut, um nicht nur die Fremdsprache zu erlernen, sondern auch die Kommunikation unter einander zu fördern. Welche Vorteile bietet diese Herangehensweise für die Teilnehmer?

Sylvia van der Weerden: Neben dem Spracherwerb ist der interkulturelle Aspekt von großer Bedeutung. Niederländer pflegen bekanntlich in vielen Bereichen andere Herangehensweisen, als in Deutschland üblich ist. Denken Sie etwa an den Führungsstil in Unternehmen oder Verwaltungen, an Teamarbeit am Arbeitsplatz, an Sitzungsabläufe oder Etikette. Das alles ist nicht nur eine Frage von Sprachkenntnissen, das verlangt einen Lernprozess hin zu einem wirklichen Verstehen, zu einem Sich-einfühlen-können in die jeweils andere Mentalität.

 

„Gerade dort, wo Niederländer und Deutsche Seit an Seit arbeiten, zeigt sich, dass die Zusammenarbeit häufig zäh verläuft, weil sich die Leute nicht wirklich verstehen, nicht nachempfinden können.“

 

AHA24x7.com: Fremdspracheninstitute wie Ihres sehen sich heutzutage mit einer rasant fortschreitenden Digitalisierung konfrontiert. Bedeutet dies im Zeitalter des virtuellen Klassenzimmers womöglich das Ende des traditionellen Sprachunterrichts? 

Sylvia van der Weerden: Tatsächlich befindet sich der traditionelle Fremdsprachenunterricht in einer Übergangsphase. Heutzutage kann etwa ein deutscher Verwaltungsbeamte aus dem Grenzgebiet, der für seine Ressortaufgaben dringend Niederländisch-Kenntnisse braucht, seine Sprachkurse bei uns auch online absolvieren, Apps unterstützen ihn beim Vokabeln pauken, digitale Sprachtechnologien helfen bei der Verbesserung der Aussprache. Das wirft die Frage auf: Welchen Mehrwert bietet da ein traditioneller Niederländisch-Unterricht dem Sprachschüler in diesen Zeiten noch? Wir glauben, dass der Einsatz von Technologie den Sprachunterricht bereichert und zum Besten beider Welten führt: ein Lehrer, der motiviert und begeistert und dazu die Möglichkeit, im eigenen Umfeld und Tempo zu lernen. Was wir indes beim „online learning“ feststellen müssen, ist eine hohe drop-out-quote. Das heißt, dass das online Angebot immer nur komplementär zu betrachten ist, nie die Basis bilden kann. Die Rolle des Dozenten im Lernprozess ist und bleibt entscheidend.

AHA24x7.com: Neben dem reinen Spracherwerb ist ja das Verständnis der anderen Mentalität, der fremden Kultur von wesentlicher Bedeutung. Radboud in’to Languages bietet Interkulturelle Coachings an. Und zwar online oder vor Ort im Betrieb. Was genau beinhaltet das?

Sylvia van der Weerden: Interkulturelles Coaching, etwa in Betrieben aus der deutsch-niederländischen Grenzregion mit gemischter Belegschaft, beinhaltet ein Trainingsprogramm mit dem Ziel, sich seiner Voreingenommenheit dem jeweils anderen gegenüber bewusst zu werden. Gerade dort, wo Niederländer und Deutsche Seit an Seit arbeiten, zeigt sich, dass die Zusammenarbeit häufig zäh verläuft, weil sich die Leute nicht wirklich verstehen, nicht nachempfinden können. Was den Ansatz von Radboud in’to Languages von dem anderer Sprachinstitute unterscheidet, ist, dass wir Coaches einsetzen, die aus der Praxis kommen, die die Erfordernisse der Arbeitswelt kennen. Für manches Unternehmen ist das Label Universität oftmals eine zu hohe Schwelle. Unsere Dozenten aber wissen, um was es in der Wirtschaft geht.

AHA24x7.com: Wer Niederländisch lernt, um seine Aufgaben im Beruf besser erfüllen zu können, hat häufig nicht die Zeit, sich zu vorgegebenen Kursterminen in einem Klassenzimmer einzufinden. Sind digitale Angebote wie etwa Webinars eine Lösung?    

Sylvia van der Weerden: Als Teil eines Gesamtpakets zweifellos, auch unser Institut bietet bereits Fernunterricht dieser Art an. Wir sehen einen Trend zu kürzer, kompakter und mit mehr Spaß. Natürlich reagieren wir auf diesen Trend. Ein Webinar kann sicherlich eine Lösung sein. Auch wir wollen es unseren Kunden mit zeitgemäßen Tools ermöglichen, sich in ihrer (womöglich spärlichen) Freizeit selbstbestimmt in Sprache, Kultur und Kommunikation zu professionalisieren.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Über Sylvia van der Weerden

Sylvia van der Weerden (51) hat Englisch und Französisch studiert und anschließend den Studiengang Kommunikationswissenschaften absolviert.

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